Von Studenten und anderen Schnabeltieren

Bei mir ist der Bachelor bereits hinter mir. Rückblickend war es eine Zeit, wo ich viiiiiel, viel Zug gefahren bin. Mit der Anschaffung des Autos wurden mir immerhin 1 Stunde 10 am Tag gespart. Da ich so weit weg von der FH wohnte, hatte ich nicht wirklich eine Verbindung zu der Hochschule. Auch die Abschlusszeremonie besuchte ich nicht. Während der ganzen Zeit lachte ich mir tatsächlich eine Freundin an. Ich nenne sie Tessa.

Tessa und mich verband eine Sache: Unsere 2-stündige Reise nach Jerusalem, wo man meistens bereits von Anfang an keinen Sitzplatz ergattern konnte. Wir fuhren zwar von verschiedenen Städten los, aber unser Umstiegsort war immer derselbe. Durch diese viele gemeinsame Zeit sammelten sich natürlich auch viele gemeinsame Erlebnisse.

So zum Beispiel das berühmte Portemonnaie. Noch mehrere Semester später lachten wir darüber.

Eines wunderschönen Tages trafen wir uns wie üblich an unserem Transfer-Bahnhof, bei dem wir beide immer in den gemeinsamen Zug umstiegen. An diesem Bahnhof musste Tessa auf die Toilette, welche gebührenpflichtig ist. Sie zückte ihr Portemonnaie und verschwand auf dem WC, während ich im danebenliegenden Kiosk schmökerte. Dann kam sie wieder raus und wir kamen pünktlich zu unserem Zug. Oder lasst es mich anders formulieren. Wir kamen pünktlich – der Zug nicht.

Wie dem auch sei: Wir stiegen ein. Bis zur FH waren es 4 Stationen. Nach 2 Stationen ging die Schaffnerin herum. Eine wirklich freundliche Dame, die wir öfters sahen. Brav streckte ich ihr mein Semesterticket entgegen. Sie nickt dankend und wandte sich zu Tessa. Tessa lächelte zurück und griff in ihre Tasche. Ohne hinzugucken wühlte sie darin herum. Plötzlich runzelte sie die Stirn und öffnete die Tasche etwas weiter, um einen Blick hineinwerfen zu können. Nun wühlte sie hektischer. Ich sah die Schweißperle förmlich herunter kullern. Dann starrte sie zuerst die Schaffnerin und dann mich total panisch an.

„Ich habe mein Portemonnaie auf der Toilette vergessen.“ Die Schaffnerin stellte ihr erstmal einen Strafzettel aus, aber meinte sofort, dass sie das Geld erstattet bekommen würde, wenn sie am Schalter ihr richtiges Ticket vorweisen kann. Ich drängte Tessa dazu schnell hier auszusteigen, damit sie auf dem gegenüberliegenden Gleis den nächsten Zug zurück erwischen konnte. Sie nickte nur ganz geistesabwesend und sprintete raus.

Ab hier fuhr ich alleine. „Theoretisch“, dachte ich mir, „schafft sie es noch zur Vorlesung.“ Denn wir fuhren immer so, dass wir eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn da waren. Ich kam also alleine in der FH an und meine Kommilitoninnen fragten mich, wo Tessa denn sei. Für gewöhnlich sah man uns nämlich nur zu zweit. Ich erklärte es ihnen und versicherte aber, dass sie es sicher noch zum Beginn der Vorlesung schafft.

Die Zeit verging und die Vorlesung begann. Irritiert hielt ich Tessa einen Platz frei. Vielleicht spielten ja die Ampeln nicht mit und sie wartete bei einer roten Ampel. Oder der Zug hatte Verspätung. Die Vorlesung ging 2 Stunden 15. 15 Minuten vergingen.

„Okay, sie hat vielleicht doch nicht den nächsten Zug bekommen. Aber in 15 Minuten sollte sie eigentlich mit dem nächsten da sein.“, dachte ich.

Fehlanzeige. Ich schaute immer wieder zur Tür, die ein Glasfenster hatte, aber ich entdeckte sie einfach nicht. Noch eine halbe Stunde ging rum. Noch ein Zug, den sie scheinbar nicht genommen hatte. Langsam machte ich mir Sorgen, denn auch auf WhatsApp hörte ich nichts von ihr.

Der Dozent fing an die Vorlesung zu beenden und ich schaute wieder zum Glasfenster. Da! Da stand sie. Und traute sich nicht reinzukommen, weil sie 2 Stunden zu spät war. Meine Kommilitoninnen und ich platzten fast vor unterdrücktem Lachen. Als die Vorlesung offiziell vorbei war, ging ich raus zu ihr und wir gingen wieder zurück zum Zug. Unterwegs fragte ich sie dann, was sie so lange aufgehalten hätte.

„Ich war bei der Polizei.“

„Bitte, was?“

„Ja, ich war bei der Polizei.“

„Hattest du versucht einen Zug zu entführen oder wieso? Oder hast du nach dem Schwarzfahren deine kriminelle Ader entdeckt?“

Sie lachte. Sie musste sich ein Ticket zurück kaufen, da sie selbstverständlich nicht einfach wieder schwarzfahren wollte. Dummerweise hatte sie ja ihr Portemonnaie samt Geld und EC-Karte vergessen. Und auf Rechnung konnte sie keine Tickets kaufen. Und was tat Tessa dann? Sie ging zum nächsten Polizeirevier, was gleich in der Nähe war.

„Wolltest du dich selbst als Schwarzfahrerin stellen?“, warf ich ein. Tessa schüttelte den Kopf.

„Ich erklärte denen meine Situation und sie liehen mir 10 Euro, damit ich zurückfahren kann.“

„War dein Portemonnaie noch da mitsamt Inhalt?“

„Ja ja alles da.“ Sie winkte ab.

Stillschweigend lief sie neben mir her. Ich sah doch, dass sie irgendwas bedrückte.

„Ist noch irgendwas passiert? Was ist denn los?“

Sie blieb stehen und sah mich zerknirscht an.

„Ich hab der Polizei das Geld nicht wieder gegeben…“

Ob sie es mittlerweile zurückgegeben hat, will ich hier nicht sagen. Nur eines noch: Meine beste Freundin ist eine Kriminelle.

5 Kommentare zu „Von Studenten und anderen Schnabeltieren

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