Von Rassismus und Hass

Zeit für neue Erzählungen. Ich bin nicht ganz deutsch. Wohl eher illegal geschmuggelte Ware, denn meine Mutter war schwanger mit mir, als sie nach Deutschland kam. Sogesehen bin ich ein ausländischer Import. Und in meinem gesamten Leben wurde ich nie wirklich mit Rassismus konfrontiert, wofür ich sehr dankbar bin. Ich könnte mich nämlich nicht auch noch mit solchen Idioten beschäftigen.

Wahrscheinlich ist einer der Gründe, wieso ich von Rassisten verschont geblieben bin, mein Aussehen. Denn ich behaupte mal, dass nur Leute, die einen Blick dafür haben, sehen, dass ich ursprünglich nicht deutsch bin. Ansonsten juckt es, glaube ich, niemanden. Aber tendenziell sprechen mich eher ältere Männer drauf an. Manchmal frage ich mich, wieso das so wichtig ist, woher ich komme.

Nun kommen wir jedoch zur eigentlichen Geschichte. Ich habe für den Tag der offenen Tür unseres städtischen Theaters Programme verteilt und den Besuchern als Information gedient. Das ganze Ereignis fand in einer Konzerthalle statt und die Besucher hatten die Möglichkeit mit den Orchestermitgliedern Workshops zu besuchen. Eine wirklich schöne und gelungene Veranstaltung. Unser Orchester beherbergt viele ausländische, talentierte Musiker, welche an diesem besagten Tag auch einfach durch die Konzerthalle schlenderten und angequatscht werden durften. Das war auch der Sinn und Zweck. Sie waren sogar extra mit Namensschildern und dem jeweiligen Instrument auf dem Schildchen versehen worden. Wir haben einige Koreaner und Japaner im Orchester. Andere asiatischen Ethnien, soweit ich weiß, nicht. Ich stehe also da in der Eingangshalle und weise die Besucher freundlich auf die Programme hin, da spricht mich ein älterer Herr an.

„Ziemlich viele Chinesen hier.“

Ich war ehrlich gesagt echt baff. Vorsichtig räusperte ich mich und bemerkte: „Wir haben einige Koreaner und Japaner unter unseren Philharmonikern.“

Er schnaubte und sah mich an: „Was sind Sie denn?“ Interessantes Fragewort – „Was?“ Ich antwortete: „Deutsch“. (Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich nicht „Ein Mensch“ geantwortet habe.) Aber der Mann konnte nicht lockerlassen: „Nein, was sind Sie wirklich? Woher kommen Sie?“ An dieser Stelle möchte ich anmerken:

1. Warum ist es so wichtig, welche Nationalität ich habe?

2. Wieso glauben solche Leute eigentlich grundsätzlich, dass wir Ausländer lügen?

Denn ich habe nicht gelogen: Ich bin in Deutschland geboren. Also wiederholte ich erneut: „Deutsch. Ich bin hier geboren.“

Der Mann runzelte die Stirn und meinte nur: „Aha…“ Plötzlich änderte sich seine Miene und er sah mich von Kopf bis Fuß an (ich hatte ein Cocktail-Kleid an zu der Veranstaltung). Dann lächelte er und meinte: „Sie sind aber eine ganz Hübsche.“

Das ist mittlerweile über ein Jahr her und noch immer irritiert mich dieser plötzliche Sinneswandel. Bin ich auf magische, unerklärliche Weise attraktiv geworden für ihn, basierend auf dem Fakt, dass ich Deutsche bin? Und woher kommt diese verhasste Abneigung gegen Ausländer? Wieso hat ihn das so gestört, dass die Musiker (oder generell Künstler) überwiegend ausländisch sind? Für mich wird Ausländer-Hass immer eine unerklärliche Denke sein.

Wir hatten in meiner Heimatstadt vor einigen Monaten einen großen Nazi-Aufmarsch. Ich wohne in einer Studenten- und Kulturstadt und ohne viel Organisation raffte sich die ganze Stadt zusammen, um den Nazis zu zeigen, dass sie hier nicht willkommen sind. Sie wurden angebrüllt und mit Mittelfingern beleidigt. Laut brüllte die ganze Stadt unisono: „NAZIS RAUS!“

Versteht mich nicht falsch: Es ist gut, dass wir so zusammenhalten. Aber lohnt es sich wirklich Feuer mit noch mehr Feuer zu bekämpfen?

11 Kommentare zu „Von Rassismus und Hass

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  1. Ein schweres Thema. Aber extrem wichtig.
    Woher dieser Rassismus; dieses Empfinden herkommt, das weiß ich nicht.
    Ich schätze, dass es eine Mischung aus unterschiedlichen Ängsten ist. Hauptsächlich eine Angst, die eigene Identität zu verlieren.

    Zu deiner Frage:
    Ich glaube nicht, dass es viel bringt, Nazis zu beleidigen.
    Es gut, dass eine Mehrheit da ist und die Nazis nicht unkommentiert lässt.
    Aber den Rassismus wird es nicht bekämpfen.
    Da denke ich, müssen wir als Gesellschaft eher schauen, wie wir mit den Ängsten der Menschen umgehen. Wenn jemand bspw. keinen Job findet, ist es für ihn bedrohlich. Dann fällt es halt leicht, es auf andere zu schieben.
    Usw.

    Mein Problem ist, ich hab keine Idee, wie man das idealerweise tun soll.

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  2. Danke für deinen Kommentar liebe Hedwig! 🙂
    Ich finde das auch grauenhaft, zumal ich es absolut nicht nachvollziehen kann. Was hat man denn als Rassist davon, dass man stolz auf seine Nationalität ist und ein „reines“ Land hat? Davon scheint die Sonne auch nicht heller…

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  3. Vielen Dank für deinen Kommentar hanneselch 🙂
    Ja das ist auch mein Problem. Ich glaube nicht, dass es wirklich eine Lösung dafür gibt. Ich habe noch nicht gehört, dass ein Rassist zum „Nicht-Rassisten“ konvertiert (was nicht heißen soll, dass es sowas nicht gibt!). Viele eher muss man das Problem bei der Wurzel packen und für mehr Toleranz bei den Kindern sorgen. Aber ich hab schon sooft Dokumentationen gesehen über nationalsozialistische Jugendgruppen, die Jugendliche rekrutieren. Das finde ich überaus beängstigend. Zumal ich mich nur wiederholen kann: Was bringt denn der Rassismus? (Außer einer Schuldzuweisung, die jedoch keine Lösung birgt). Von der Vertreibung des türkischen Nachbars wird der Benzinpreis auch nicht niedriger. Aber bei einer Sache bin ich mir sicher: Hasserfüllten Leuten mit Hass zu begegnen ist keine Option.

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  4. Rassismus bringt so gesehen nichts, da hast du recht.
    Den Menschen bringt es aber ein Ventil.
    Sie äußerer sich ja nicht rassistisch, weil sie Rassisten sein wollen. Sie wollen ihren Unmut ablassen. Ihrer Angst Ausdruck verleihen.
    Das merkt ja oft. Die Menschen, die sich rassistisch äußern, wollen sicht nicht als Rassisten sehen.
    Sie sprechen nur ihre Wahrheit aus und fühlen sich unverstanden, wenn man dies als Rassismus sieht.
    Ich finde es auch erschreckend, wenn schon Kinder und Jugendliche rekrutiert werden.
    Gerade Kinder würden nie auf die Idee kommen, einen Mensch dannach zu beurteilen, wo er oder die Familie her kommt.

    Aber man kann halt nicht vorschreiben, welche Bezugspersonen die Kinder erziehen und beeinflussen.

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  5. Es gibt schon Aussteiger. Manche über die Organissation „Exit“, andere auf eigene „Faust“ (sry konnte ich mir nicht verkneifen xD) . Generell ist im Gespräch bleiben, wo möglich, eine gute Idee. Als Jugendlicher hab ich mich immer wieder zu den Gruppen von Skins, Nazis und nahestehender Grüppchen in unserer kleinen Stadt begeben. Einige kannte ich aus der Schule. Habs irgendwie geschafft, nie in eine Prügelei zu geraten dabei, obwohl die daraus aus waren. Verbale Ausfälligkeiten durfte ich aber zu hauf über mich ergehen lassen. Jahre später sprach mich einer von denen in der Disco an… und hat sich bei mir entschuldigt. Er hatte sich inzwischen von dem ganzen Käse abgewendet und erzählte mir darüber, wie sein Leben seitdem so verlaufen war. Sein Umschwenken war nicht direkt Folge meiner Worte, aber dass er sich so an mich gewendet hat, zeigt ja, dass es schon irgendeine Wirkung gehabt hat.
    Der Rassismus ist tatsächlich oft vorgeschoben, bzw. Auswuchs eines anderen Problems. Das kann sich aber auch verwachsen ^^ … Ich habe allerdings durchaus auch, gerade ältere, wirklich zutiefst überzeugte Rassisten kennengelernt. Wenn die über ihr Weltbild und ihre Lebensgeschichte redeten lief mir mehr als nur ein Schauer über den Rücken. … natürlich keiner von der schönen Sorte.
    Mit Hass zu begegnen… nein, das macht keinen Sinn, ist manchmal aber auch cht schwer, wenn ich ehrlich bin. Vermutlich ist das eine der schwersten Hürden dabei. Sich nicht von dem Hass anstecken zu lassen.

    Liebe Grüße, Jo

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  6. Vielen lieben Dank Jo für deinen ausgiebigen Kommentar! 🙂
    Ja ich glaube das wichtigste ist, dass man sich nicht (wie du schon sagtest) vom Hass anstecken lässt. Es ist wirklich interessant deine Erfahrung dazu zu lesen! Ich hab noch nie von jemandem aus meinem „Umkreis“ (inkl. den Weiten des Internetzes) ähnliche Erfahrungen gehört. Und wirklich schön zu hören, dass sowohl du da nicht reingerutscht bist als auch dass dein Kollege da raus ist. Das lässt doch immer noch die Hoffnung sprießen.
    Ich bin auf deinem Blog noch nicht so bewandert (vllt. hast du ja schon mal darüber geschrieben), aber hättest du mal Lust eine Kurzgeschichte/-erzählung darüber zu schreiben? DAs würde mich wahnsinnig interessieren, vor allem in deinem Schreibstil. 🙂

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  7. Also ich kann auch nur noch den Kopf schütteln angesichts der Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Man hört ja oft vor allem von „besorgten Bürgern“, multikulti sei angeblich schlecht. Dem kann ich als gebürtiger Deutscher gar nicht zustimmen. Während meiner Hauptschulzeit – das war in den 80er und 90er – wurde ich jahrelang von Mitschülern gemobbt und das waren durchgehend Deutsche. Als ich später ein Berufsgrundschuljahr besuchte, waren wir dort eine bunte Gruppe: Ein Ungar, zwei Spanierinnen, ein Italiener, ein Pole, ein Pakistani, ein Vietnamese, zwei Russen, und wenige Deutsche, dafür noch eine Mitschülerin mit leichter Behinderung. Und dort gab es keineswegs Ausgrenzung, alle hielten weitgehend zusammen und es bildete sich eine richtig tolle Klassengemeinschaft heraus. Auch heute arbeite ich in einem Unternehmen mit vielen Kollegen, die einen Migrationshintergrund haben. Und auch hier gibt es ein Wir-Gefühl. Das Problem mit dem Multikulti ergibt sich aus meiner Sicht daher weniger aufgrund der unterschiedlichen Nationen in einem Land, wie es die „besorgten Bürger“ uns erzählen wollen. Es ergibt sich momentan vorwiegend aufgrund von Engstirnigkeit, Vorurteilen und dem Glauben, sich abgrenzen zu müssen…

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  8. Danke lieber Grünschreiber für deinen Kommentar! 🙂
    Ja das finde ich tatsächlich auch. Gemobbt wurde ich nicht von Ausländern, sondern immer eher von den Deutschen. Womit ich nicht sagen will, dass Deutsche die Bösen sind, sondern dass Ausländer nicht die Reinkarnation des Bösen sind. Natürlich gibt es Fälle, wo Asylanten sich daneben benehmen, weil sie noch andere Sitten und Normen kennen. Aber das sind nicht so viele, wie die Medien es immer erscheinen lassen. Vielmehr müsste man sich um eine gesellschaftliche Integration kümmern als um Hetze.

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  9. Genau das denke ich auch.
    Das Böse gibt es überall, also in allen Gesellschaften bzw. Volksgruppen. Und je mehr Vielfalt in einer Gruppe herrscht, desto vielfältiger sind auch die Unterschiede. Das kann eine Bereicherung sein, und untereinander zu mehr Akzeptanz und Zusammenhalt führen. Es stecken viele Chancen in der Migration.

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